Gefährdete Lebensräume: Das Hochmoor

Die grösste Fläche ist Hochmoor, aber ...

Das Hochmoor ist das Herz der Landschaft

Drosera rotundifolia, Oxycoccus quadripetalus, A.Scheidegger
Sonnentau

Im Hochmoor ist der Untergrund weich, sumpfig, es gibt Stellen, wo der Boden federt. Torfmoose haben diesen Rasen über Jahrtausende erzeugt; man steht auf einer Art Schwamm, purpur bis grün, der nur durch Regenwasser gespeist wird. Eine Miniaturhügellandschaft, bestehend aus Heidekraut, Rosmarinheide und Moospolstern, tut sich auf. Hier wächst der Rundblätterige Sonnentau zwischen dem Geflecht der Moosbeere, welche im Herbst ihre roten, geniessbaren Früchte trägt. Besonders dort, wo sich auf trockenen Hochmoorpartien wieder Holzgewächse durchsetzen, ist das spätsommerliche Bild am eindrücklichsten. Helldunkel gefärbte Birkenstämme stehen vor dem warm gelblichen Hintergrund verdorrter Gräser. Das Laub ist entweder matt grün oder gelb, sofern es nicht braunscheckig den Boden bedeckt. Ein raschelndes Fluchtgeräusch verrät die Mooreidechse. Sie ist unscheinbar dunkel gemustert und recht häufig. Im schweizerischen Mittelland weitgehend ausgestorben ist hingegen der unterseits schillernd grüne Brombeerzipfelfalter. Er fliegt im Mai an ganz wenigen Stellen des Robenhauser Rieds. Im Winter können wir dort auch Waldohreulen antreffen, vorzugsweise auf Fähren entlang des Spazierweges. An einem Tagschlafplatz ruhen sie in Gruppen bis zu einem Dutzend Exemplaren.

Leben am Moortümpel

Die meisten "Turpelöcher" aus der Zeit des Torfabbaus sind zugewachsen. Der Verlandungsprozess ist ein natürlicher Vorgang, vom Ufer her drängen Fieberklee, Blutauge und verschiedene Seggen- und Binsenarten in die Teichmitte. Werden wieder neue Tümpel ausgehoben, besetzen sofort Libellen das Revier. Sie sind die auffälligsten Erscheinungen über der Wasseroberfläche, die "grossen" jagen in reissendem Flug kleinere Insekten. Etwa 30 Arten kommen am Pfäffikersee vor, davon ein Dutzend Seltenheiten wie Grosse Moosjungfer oder Zwerglibelle. Mit der Verlandung der Torfstiche ist auch das nächtliche Konzert der Wasserfrösche leiser geworden. Ihnen stellt die Ringelnatter nach, eine für uns völlig harmlose Schlange mit charakteristischen gelben Halbmondflecken am Hinterkopf. Auf einem Seerosenblatt lauert die Gerandete Jagdspinne. Sie kann tauchen und erbeutet Insekten, Kaulquappen und sogar Fische. Unter Wasser, in ihrer luftgefüllten "Taucherglocke" , soll auch die Wasserspinne vorkommen.

Blumen und Sommervögel der Riedwiesen

Skabiosenscheckenfalter. Foto A.Scheidegger
Skabiosenscheckenfalter

Einen besonderen botanischen Reichtum beherbergen die Flachmoorbereiche mit ihren Riedwiesen. Als Alpenpflanzen sind Trollblume und weisser Germer mit den zurückweichenden Gletschern der letzten Eiszeit eingewandert. Im Mai blühen zwischen dem weissflockigen Wollgras verschiedene Orchideen (etwa 15 Arten), Sumpfvergissmeinicht, Kuckuckslichtnelke, Klappertopf und Sumpfhornklee. Der Wegrand im Sommer leuchtet in allen Farben: Weiden-Alant (gelb), Kriechender Hauhechel (rosa), Blutweiderich (purpurrot) und Abbisskraut (hell blauviolett). Dazwischen finden wir die zartrosa Prachtsnelke neben dem dunkel rotvioletten Fettblatt und dem fein geäderten, zierlichen weissen Studentenröschen. Wilde Möhre, Mädesüss, Baldrian und Sumpfwurz bilden die Hochstaudenfluren, oft in Gesellschaft der weniger geschätzten Kanadischen Goldrute. Von hoher Warte ertönt der gleichmässige Gesang des Grünen Heupferdes. An warmen Tagen summen zahlreiche Bienen, Hummeln, Wespen, Fliegen und Käfer von Blüte zu Blüte, Schmetterlinge gaukeln über die Wiese. Die meisten der 50 festgestellten Tagfalterarten leben vom Blütenreichtum der mageren Feucht- und Trockenwiesen des Gebiets, unter ihnen Raritäten wie Skabiosenscheckenfalter, Braunfleckiger Perlmutterfalter und Kleiner Moorbläuling. Für seine Entwicklung braucht letzterer einerseits einen guten Bestand von Lungenenzian, andererseits das Vorkommen einer kleinen rötlichen Wiesenameise (Myrmica ruginodus).Auf dem Lungenenzian werden die Raupen des Bläulings von der Ameise abgeholt und ins Nest geschleppt. Nur dort ist die genügende Wärme für die Ueberwinterung gegeben, die Raupe frisst überdies von der Ameisenbrut. Dafür scheidet sie eine für die Ameisen leckere Flüssigkeit aus. Der Bestand an Nachtfaltern ist weniger erforscht. Regelmässig fliegen an sonnigen Nachmittagen im April und Mai die Männchen des Kleinen Nachtpfauenauges aus, um im rastlosen Zickzackparcors über weite Distanzen ein Weibchen zu finden. Die rotgefleckten Widderchen sitzen träge auf den Blüten der Sumpfkratzdistel, durch ungeniessbare Körpersäfte vor Feinden geschützt. Mit etwas Glück kann man auch das Ampfer-Grünwidderchen auffinden.

Eine Vielfalt von Vögeln!

Von allen Tieren am Pfäffikersee werden die Vögel am regelmässigsten und genausten erforscht, gezählt und kartiert. Die Daten kommen von verschiedenen Beobachtern und Beobachterinnen um den See zusammen und gelangen schliesslich über Walter Hunkeler (Wetzikon) an die Vogelwarte Sempach. Der Pfäffikersee ist für die Ornithologen ein Mekka, sie kommen weither gepilgert und kehren nach unvergesslichen Erlebnissen wieder heim. Wenn im März die Kiebitze ihre tollkühnen Balzspiele zeigen, lautstark begleitet durch ein klagendes "Kieh-witt", fällt das auch Laien auf. Sie staunen über die Zutraulichkeit und Schönheit der Allerweltsvögel Buchfink und Kohlmeise im Strandbad Auslikon, welche sich auf der Hand füttern lassen. Drei Viertel aller um den See vorkommenden Vogelarten leben in der näheren Umgebung des Strandbades.

Grosse Informationstafeln am See geben Auskunft über die Wasservögel. An den viel besuchten Uferpromenaden sind zahlreiche Enten und Rallen von Auge einfach zu erkennen. Taucher und im Winter etliche Kormorane halten sich etwas weiter aussen auf. Das Geschrei der hungrigen Lachmöwen ist durchdringend, manchmal belästigen sie auch einen Schwimmvogel. Schnappt die Möwe einer Blessralle das Brot weg, wird sie gewiss von einer agressiven Artgenossin so lange verfolgt, bis sie den Brocken wieder hergibt. Die Kleinseen im Süden des Schutzgebietes beherbergen etwa 20 Lachmöwenpaare. Der Bestand hat sich in den Neunzigerjahren fast verzehnfacht In einsamen Buchten können sich zur kalten Jahreszeit Hundertschaften von Reiher- Tafel- und Löffelenten aufhalten. Betritt man als erster den Fischersteg in ihrer Nähe, verzieht sich die Gesellschaft langsam zur Seemitte. Zum Brüten sind die schilfbestandenen und reich strukturierten Ufer des Pfäffikersees ideal. Jährlich nisten 20 bis 30 Brutpaare des Haubentauchers auf ihren charakteristischen Schwimmnestern, und der kleine Bestand von Zwergtauchern, Reiher- und Tafelenten hält sich tapfer. Bleibt zu hoffen, dass mit den neuen Seeschutzzonen den vom Aussterben bedrohten Zwergreihern und Drosselrohrsängern besserer Bruterfolg beschieden sei.

Leben unter Wasser

Die Sportfischer am Pfäffikersee heben den ausgezeichneten Felchen- und Hechtbestand hervor. Der Felchen, vor Jahrzehnten ausgestorben und Mitte Siebzigerjahre wieder ausgesetzt, muss allerdings in der Fischzuchtanlage vermehrt werden, eine Naturverlaichung existiert mangels geeigneter sandig-sauberer Laichplätze im Pfäffikersee nicht mehr. Auch dem Hechtbestand wird mit Zuchtmassnahmen nachgeholfen. Der Raubfisch lauert oft in kapitalen Exemplaren in den Seerosenbeständen, wo er neben kleineren Fischen auch schwimmende Jungvögel erbeutet. Ein schöner und eleganter Geselle ist der Egli, in seiner Grossform ab 30 cm auch Relig genannt. Ab und zu lassen sich ganze Schwärme dieses senkrecht schwarz gestreiften Fisches sehen. Karpfen und Schleien halten sich gerne in der Tiefe der Uferregion auf. Letztere erkennt man an ihrer dunklen, grün-goldenen Färbung, der orangen Mundpartie und den auffallend rundlichen Flossen. Aus Gründen, die von Fachleuten kontrovers beurteilt werden, waren die Bestände der einst massenhaft vorkommenden Rotaugen (Schwalen) und Rotfedern (Rötel oder Rottele) seit Ende der 80er-Jahre sukzessive zusammengebrochen; glücklicherweise ist da in letzter Zeit wieder eine Bestandeserholung festzustellen. Weniger bekannt ist ein weiterer Weissfisch, der Alet, den man vom Ufer aus vor allem beim Bootshafen Pfäffikon oder im Einlauf des Chämtnerbaches beobachten kann. Insgesamt kommt ein Dutzend Fischarten im Pfäffikersee vor. Weiterhin ungeklärt bleibt die Ursache des letztjährigen Felchensterbens. Von Seiten des Kantons wurde hingegen für das Massensterben von Eglis die übergrosse Population verantwortlich gemacht.

In jüngerer Zeit wurde auch das Vorkommen der Muscheln genauer erforscht. Als einzige Grossmuscheln konnten sich die Gemeinen Teichmuscheln einigermassen halten. Tage- oder wochenlang stecken sie am selben Ort, mit dem Vorderteil voran schräg im Gewässergrund, und bewegen sich nur selten langsam auf ihrem zungenartigen Fuss fort, eine sichtbare Furche hinterlassend. Für ihre Fortpflanzung sind sie auf Fische angewiesen. In deren Kiemen parasitieren die Muschellarven während einem Monat, lassen sich fallen, graben sich einige Zentimeter tief in den Gewässerboden ein und beginnen ihr Leben als Filtrierer. Jede Art hat ihre speziellen Wirtsfische. Die schlechtere Gewässerqualität, das Aussterben gewisser Fischarten und Ueberbestände der Wandermuscheln haben den Grossmuscheln stark zugesetzt.

Bedrohte Artenvielfalt ...

Der jetzt noch festgestellte Artenreichtum vermag nicht darüber hinweg zu täuschen, dass auch am Pfäffikersee keine idealen und vor allem keine gesicherten Zustände herrschen. Der Besucherandrang wächst, alle möchten um den See, auf den See, in den See, und nur wenige passen sich in Kleidung und Verhalten der Natur an. Leuchtfarben und rasche Bewegung charakterisieren die neuen Trendsportarten, Hektik und Lärm nehmen zu, vor allem in den empfindlichen Uferregionen. Das 1995 erlassene Leinengebot wird von zu vielen Hundebesitzern missachtet. Ehemals scheue Wildtiere wie Krähe und Fuchs haben gelernt, vom Menschen zu profitieren und bilden zusätzlich während Brutzeit eine ständige Gefahrenquelle für Kiebitz und Bekassine. Landesweit haben Bodenbrüter ausserdem in den letzten Jahrzehnten grosse Flächen an Ried und Trockenwiesen durch Strassen, Teerplätze, Bauten und rationelle Bodenbewirtschaftung eingebüsst. Ertragssteigernde und personalsparende Methoden kamen mehr und mehr zum Einsatz, die ehemals kleinräumige Kulturlandschaft wich einem Landschaftsbild mit grösseren gleichartigen Bewirtschaftungsflächen. Das blieb nicht ohne Wirkung auf die angestammte Flora und Fauna: Manchen Pflanzen und Tieren fehlen heute Nischen zum Ueberleben. Andere sterben unter dem Einsatz von Herbiziden und Pestiziden. Lebensraumverlust ist der Hauptgrund für die dramatische Verarmung der Pflanzen- und Kleintierwelt, und die Schweiz nimmt in diesen Belangen international einen traurigen Spitzenrang ein. Politische Stossrichtungen geben in jüngerer Zeit weiterhin Anlass zur Besorgnis, zum Beispiel der Beschluss des Zürcher Kantonsrates, den Landschaftsschutz gewissermassen für zehn Jahre einzufrieren. Wie wird sich das wohl auf den volkstümlichsten Vogel, den Kuckuck, auswirken? In Riedgebieten findet er seine letzte Nahrungs- und damit Lebensgrundlage, die fetten behaarten Raupen. Durch Düngung zu Lande und aus der Luft, wenn saurer Regen fällt, verschliefen Flachmoorbereiche und lösen damit eine unheilvolle Kettenreaktion aus: Lichtbedürftige Pflanzen sterben aus, ebenfalls die von ihnen abhängigen Insekten, schliesslich damit insektenfressende Vögel wie zum Beispiel der Baumpieper. Gerade hier könnten die vorgesehenen Pufferzonen zwischen Ried und Kuturland sehr wertvoll werden!

... und einzelne Lichtblicke

Vor nicht allzulanger Zeit wurde in Robenhausen ein Wiedereinbürgerungsversuch für den Weissstorch unternommen. Leider konnte der stattliche Vogel nicht gehalten werden, er flog im Beisein des Regionalfernsehens vom eingerichteten Nistplatz auf und davon. Es landen aber immer wieder Störche im Ried, und was im oberen Glatttal möglich ist, müsste eigentlich auch bei uns erreichbar sein.1994 und 95 hatte eine östliche Finkenart, der Karmingimpel, erstmals am Pfäffikersee Bruterfolg. Seit zwei Jahren fühlt sich auch das Schwarzkehlchen im Robenhauser Ried heimisch. Solche (wenigen) Erfolgsmeldungen motivieren aktive Naturschützer, das Potenzial am See zu halten und aufzuwerten.

Der in den 40-er und 50-er Jahren als "Bubenfisch" vorkommende und dann ausgestorbene "Läugel" (Laube) ist im Pfäffikersee (und vor allem auch im Zürichsee) wieder anzutreffen. Dies ist eine direkte Folge der jüngeren kantonalen Fischereipolitik, nicht nur "wertvolle" Fischbestände, sondern auch die ursprüngliche Artenvielfalt zu fördern. In diese Richtung zielen die Bemühungen des Sportfischers Markus Gräber am Pfäffikersee, welcher seit 1992 die Laube in seinem Teich kontinuierlich vermehrt, im See aussetzt und darüber Tagebuch führt. Während die Aktion im Zürichsee, der wieder von Millionen Lauben bevölkert wird, zum vollen Erfolg geworden ist, bedarf es im Pfäffikersee mit seinen schlechteren Laichbedingungen und einem übergrossen Hechtbestand noch weiterer Anstrengungen, um den Läugelbestand dauerhaft zu sichern. Ein Aufwärtstrend ist bei den Seeforellen zu verzeichnen. Die im Frühjahr 1997 fertiggestellte Fischtreppe im unteren Teil des Chämtnerbaches könnte dazu beitragen, die erfreuliche Entwicklung zu verstärken, wandern doch die Edelfische zur Laichablage den Bach hinauf.

Unterstützt durch Bewirtschaftungsbeiträge, welche den Ertragsausfall kompensieren helfen, haben viele Landwirte wieder begonnen, umweltschonender zu produzieren. Praktisch alle Bauern um den See haben sich der integrierten Produktion (IP) verpflichtet. Die mit den Landwirten ausgehandelten Naturschutzumgebungszonen (Pufferzonen) tragen überdies dazu bei, das Ried vor unerwünschten Düngeeinflüssen zu bewahren. Am Römerkastell hat sich eine Hangwiese etabliert, welche jährlich nur wenige Male geschnitten wird. Ausserdem kommen weder Dünger noch Pflanzenschutzmittel auf die Wiese. Der Natur-und Vogelschutzverein hat in Zusammenarbeit mit der Gemeinde eine Trockenmauer mit vielen Nischen für Kleintiere gebaut. Grossflächige Buntbrachen mit Mohn, Kornblumen und Kornraden erblühen unweit des Kastells. Auf solchen Trittsteinen leben Restpopulationen der Zauneidechse und des Schachbrettfalters, Zugvögel finden einen reich gedeckten Tisch. Ein relativ individuenreiches, wenn auch im schweizerischen Mittelland absolut inselartiges Vorkommen hat eine grosse Schmetterlingsart im Robenhauser Ried: das Blauauge. Die kantonalen Entbuschungsaktionen unterstützen die Ausbreitung der Pfeifengraswiesen, in denen seine Raupe lebt. Möge uns das Blauauge immer daran erinnern, dass die einzigartig reiche Landschaft am Pfäffikersee nicht mit "blauäugigen" opportunistischen Entscheiden zu halten ist, sondern nur mit unserm tatkräftigem Einsatz.

 

Text und Bilder: Andreas Scheidegger

© Vereinigung Pro Pfäffikersee

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